Gastbeitrag: “Wir müssen über Verzicht reden”

Von Ulrike Herrmann, wirtschaftspolitische Korrespondentin der taz

Nachhaltigkeit ist möglich. Dies hat der plötzliche Ausstieg aus der Atomenergie gezeigt, der bis dahin als undenkbar galt. Schon deswegen lohnt es sich, über dieses Ende der Reaktoren nochmals nachzudenken. Dazu ein paar Thesen:

  1. Der Atomausstieg zeigt, dass es ein Primat der Politik gibt. Besser: ein Primat der klaren Umfragen. Wenn die Bevölkerung in allen Erhebungen signalisiert, dass es eine stabile und wahlentscheidende Mehrheit für einen Wandel gibt, dann können auch große Energiekonzerne innerhalb von einer Woche entmachtet werden.
  2. Die Konservativen sind in der Krise, wie sich symbolhaft daran zeigt, dass nun ausgerechnet in Baden-Württemberg ein grüner Ministerpräsident regiert.
  3. Der Atomausstieg war fraglos ein Sieg der Grünen, doch gehen damit gleichzeitig 30 Jahre Parteigeschichte zu Ende. Denn bisher gehörte es zur zentralen Identität der Grünen, dass man eine Bewegungspartei war, die stark durch den Rückhalt in der Anti-AKW-Kreisen geprägt war. Jetzt werden die Grünen endgültig „normal“. Der kometenhafte Aufstieg der Piratenpartei in Berlin zeigt, dass die Grünen von den Jüngeren als arriviertes Establishment wahrgenommen werden.
  4. Der Atomausstieg ist nicht gleichzusetzen mit Nachhaltigkeit. Auch regenerative Energie verbraucht Landschaft und Rohstoffe. „Qualitatives“ Wachstum gibt es nicht, sondern ist die größte Lebenslüge der Grünen. Wenn man Umweltschutz ernst meint, wird man über Verzicht reden müssen – und über Ökosteuern, die auch so heißen.
5 Kommentare
  1. Die Lebenslüge!? Es gibt kein qualitatives Wachstum! 
    Als das Leben aus dem Wasser das Land erklommen hat, war das kein qualitativer Schritt? Ist die evolutionäre Entwicklung hin zu einer Spezies Mensch kein qualitatives Wachstum? Zwar lässt sich trefflich darüber streiten, was “qualitatives Wachstum” ist, aber die Existenz steht meiner Meinung nach außer Frage.  Amöbe und Flusskrebs haben einen qualitativen Unterschied  !
    Es mag sein, dass die Entstehung des Menschen kein qualitatives Wachstum war/ist, weil wir durch den Raubbau an der Natur unsere eigene Lebensgrundlage zerstören.
     Ich glaube aber, dass wir Menschen sehr sensibel unsere Umwelt und unsere sozialen Systeme wahrnehmen. Wir können daraus Erkenntnisse gewinnen und so unser handeln anpassen. Wir Menschen sind vernunftbegabt! 
    Der Glaube an ein “qualitatives” Wachstum ist damit auch der Glaube an die Vernunft der Menschheit!  
    Eine Partei, die qualitatives Wachstum möchte  hat daher ein zentrales Interesse an Bildungs, Medien und Wissenschaftspolitik denn Vernunft ist abhängig vom Zugang zur Information. 

    Das böse V-Wort ! Verzicht, es klingt schon nach Martyrium! Oh weh! Wir werden leiden! Wir vergessen dabei, dass wir schon mitten im Verzicht stecken! Wir verzichten zB auf transparente Finanztransaktionen im Derivatenhandel; ich muss auf eine schöne Wohngegend verzichten, weil tausende Autos auf den Seiten der Straße und auf den Gehwegen parken und Grünflächen verhindern; ich muss auf einen bessren ÖPNV verzichten… Vielleicht muss ich auf die Ananas verzichten, weil in Zukunft Flugbenzin besteuert wird und ich mir das nicht mehr leisten kann…  Verzichten heißt nicht nur verlieren!  Es heißt ebenso gewinnen!  Verzicht ist das Ergebnis vernunftgesteuerten Handelns. 

    Das Pferd verzichtet auf die Fähigkeit des schwimmens aber galoppiert über die Steppen. 

    Matthias Sprekelmeyer am .
    • Hallo Matthias,

      du hast den Gastbeitrag m.E. missverstanden.
      Es geht nicht darum, sich selbst zu bemitleiden oder nicht – sondern um die Frage: müssen wir uns von der Wachstums-Ideologie bzw. der Wachstums-abhängigen Gesellschafts-Organisation verabschieden, um Nachhaltigkeit geordnet herzustellen?

      Oder auch: wie können wir (als Weltgemeinschaft – also das ist schon ein größeres Projekt …) Wirtschafts-Schrumpfung geordnet und zum sozialen Nutzen und kulturellen Gewinn der Menschen organisieren, bevor ein kippendes Welt-Klima- und Ressourcen-System die Schrumpfung so bewirkt, dass es für uns Menschen eine Katastrophe wird.

      Es gibt immer mehr Publikationen und Forschungs-Ergebnisse, die besagen, dass Wachstum eben nicht mit Nachhaltigkeit zu vereinbaren ist.

      Am Wirtschafts-Wachstum hängen aber derart viele soziale Errungenschaften, so wie die Gesellschaft derzeit organisiert ist, dass man bei Wachstums-Ausfällen, – wie sie in der Tat schon begonnen haben in einigen Ländern auch in Europa – schon ernsthaft darüber nachdenken muss, wie man vom schneller-höher-weiter zu einer Kultur der Entschleunigung und des Konsum-Verzichts kommen kann, – was natürlich auch weit mehr an Umverteilung und Um-Organisation in der Gesellschaft mit bedeutet.

      Luxus- und Konsumverzicht gibt es in der Alternativ-Kultur natürlich schon lange, – allerdings ist dieser Trend eher geringer geworden, – auch bei den Grünen.

      In einer Gesellschaft, die stark über Status-Symbole kommunziert und konkurriert und Hack-Ordnungen herstellt, ist es schwer, auf Dauer freiwillig “downzugraden”.

      Wir brauchen daher durchaus Debatten über sowohl freiwilliges individuelles “Downgrading” – (oder auch “Verzicht”) als auch eine allgemeine Mainstream-Wende in diesem Punkt.

      Daphne am .
  2. zu #1: ein primat der politik ist illusorisch. selbst bei solchen entscheidungen wie dem atomausstieg. die politik trifft wie jede gesellschaftliche struktur unkonventionelle entscheidungen, wenn sie existenziell bedroht ist. für die cdu war das krisenszenario nicht, dass es in deutschland zu einer atomaren katastrophe kommt, sondern dass sie in die gleiche bedeutungslosigkeit gerät wie die fdp, indem sie von den grünen als alternative konservative partei ersetzt wird. die entscheidungen wurde für die cdu gerade rechtzeitig vor den landtagswahlen getroffen. wir sehen lediglich ein primat des opportunismus.

    zu #2: es geht doch eher darum, wer die konservativen funktionen übernimmt, die im optimalen fall das gegengewicht zu den gesellschaftlichen anpassungs- und transformationsprozessen darstellen, um die entstandenen strukturen zu schützen, wie die versorgung mit grundbedürfnissen. eine infiltrierung dieser strukturen mit marktinteressen ist aber darum nicht konservativ. das trifft auf die cdu zu wie auf die fdp. diese konservative funktion wird genauso von grünen und linken und teilen der spd und piraten übernommen. die klassischen konservativen sind längst tot. was war noch gleich die zentrumspartei? wann starb der kaiser?

    zu #3: der langsame (!) aufstieg der piraten zeigt, dass die grünen irgendwie hippies sind, irgendwie radikale, irgendwie mainstreampolitiker, die auch mal einen krieg mitmachen, der völkerrechtlich bedenklich ist. (bei den linken ist es noch schlimmer) in diesem giftfass soll sich dann ein neuer weg bilden. viel vergnügen dabei. die grünen müssen das prinzip der nachhaltigkeit auf andere bereiche als die ökologie übertragen. sie müssen konzepte und visionen entwickeln einer nachhaltigen wirtschaft, einer nachhaltigen versorgung, nachhaltigen bildung. bei all dem kuddelmuddel bei den grünen und den linken ist es doch logisch, dass klar denkende menschen lieber einen neuen weg gehen.

    zu #4: ökosteuer ja. sie ist aber ein instrument, etwas zu steuern. dadurch kann man ein ökologisches produkt günstiger verkaufen. die größte lebenslüge der grünen ist, dass sie keine umweltschützer sind. sie reflektieren und personifizieren ängste in der bevölkerung. die angst vor dem atomkrieg, vor dem supergau, vor der desertifizierung blühender landschaften, vor der vergiftung der umwelt. sie liefern aber niemals strukturelle lösungen. wie von frau herrmann völlig richtig erkannt wurde, »verbraucht auch regenerative energie landschaft und rohstoffe«. sie behandeln lediglich das problem. an dem ort, an dem es uns betrifft. solar als lösung? solarzellen sind sondermüll und können nicht recycled werden. die grünen einigen sich auf die bequemsten lösungen und das sind lösungen im sinne des marktes. das macht sie zu handlangern der neoliberalen. warum werden produkte verkauft, die der gewollten obsoleszenz unterliegen? warum haben wir keine handlungsprämisse, dass sich alle anbieter sich bei der herstellung von produkten am ökologischsten produkt orientieren müssen? und an dem, was sinnvoll möglich ist. warum wird mit nahrungsmitteln spekuliert? warum haben wir ein zinssystem? das ist halt alles nicht nachhaltig. warum wird fair trade nicht verpflichtend innerhalb von 5 jahren? der größte teil er grünen ist ne diskussionsgruppe von muttis, die angst haben, dass ihre kinder mit 3 augen zur welt kommen und irgendwann bunte würfel essen müssen. lebenslüge ist da viel zu untertrieben. ohne die basis von jungen menschen mit idealen und verstand und engagement, wäre die letzte aussage nicht einmal polemisch.

    M Graupner am .
  3. Herr, vermute ich, Graupner: Nichts für ungut, aber Groß-Klein-Schreibung erhöht die Leserlichkeit eines Texts doch enorm. Auch empfinde ich es als wenig hilfreich, Ängste anderen zuzuschieben und Rationalität sich selbst. Das geschieht aber immer mal rasch, daher nur angemerkt.

    Qualitatives Wachstum heißt, dass ich mit Intelligenz, besserer Koordination o.ä. ein mehr erreiche,nicht mit mehr anderem Input (also fossile Brennstoffe, Umweltverschmutzung etc.). Das ist als positive Vision sinnvoll. Es ersetzt zwei Dinge nicht: Wachstum als solches kritisch zu betrachten. Verzicht und soziale Gerechtigkeit (auch international) deutlich positiver zu sehen als im Diskurs der Herrschenden derzeit.

    Jan Sieckmann am .
  4. Why don’t you attend an aerobic class? You did fairly well!I felt no regret for it.We are all taking medicine against the disease.Never mind.I really think a little exercise would do you good.I really think a little exercise would do you good.I’m not sure I can do it.It’s time to tell her the truth.This is great golfing swimming picnic weather

    Canada Goose Jakke Til B?Rn am .
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  1. Nachhaltigkeit II - Vorpommern-Greifswald wird Grün

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